18. Juli 2016
OG S-Bahn Berlin - M.H.

Offener Brief zum Thema BV Arbeitszeitpläne

Sehr geehrte Kollegen, sehr geehrte Mitglieder des Betriebsrates, sehr geehrte Vertreter des Arbeitgebers,

in den letzten Wochen kamen diverse Schreiben zum Thema BV Arbeitszeitpläne in Umlauf. Aufmerksam habe ich die verschiedenen Sichtweisen zur Kenntnis genommen. Es ergeben sich dabei mehr Fragen, als es Antworten gibt. Zuerst kam eine Gegendarstellung des Kollegen Schilling zu einem Schreiben der GDL Ortsgruppe in die Kauen. Mal abgesehen davon, dass man meines Erachtens eine Gegendarstellung auf Verlangen des Kollegen ebenfalls in einer offiziellen Ausgabe der Informationsschreiben der GDL Ortsgruppe zu veröffentlichen wäre, kann ich den Frust des Kollegen, zumindest in Teilen, verstehen. Die Formulierung „auserwählter Kollegen“ ist mindestens unglücklich. Ich bin mir allerdings sicher, dass der Autor nicht beabsichtigte die Kollegen zu diskreditieren. Die Arbeit der Kollegen ist sehr aufwendig und zeitraubend. Dann bekommen diese Kollegen noch das Gefühl vermittelt, dass gerade die Interessenvertreter diese Arbeit nicht würdigen, sondern sogar blockieren. Das ist natürlich aus Sicht der Kollegen nicht hinnehmbar. Möglicherweise sollte hier, wenn noch nicht geschehen, das persönliche Gespräch zwischen den Kollegen des Ortsgruppenvorstandes und den betreffenden Kollegen zum gegenseitigen Verständnis beitragen.

Die Situation ist ja schon seit längerem unklar. Ich persönlich gehöre nicht zu den von Kollegen Schilling angesprochenen Kollegen, immerhin 90% nach seiner Einschätzung, die sich nach moderner Kommunikationstechnik sehnen. Mir reicht das Telefon vollkommen aus. Sollte der Arbeitgeber der Meinung sein, alle Kollegen mit Tablet oder/und modernem Smartphone ausstatten zu müssen, dann wird er sich mit dem Betriebsrat im Rahmen der Mitbestimmung zu den Rahmenbedingungen einigen müssen.

Damit sind wir beim viel kritisierten Betriebsrat. Der Arbeitgeber hat nun auch reagiert und ist mit einer Darstellung an die Öffentlichkeit gegangen. Nachdem die Kollegen, welche an der Erstellung der neuen Arbeitszeitpläne beteiligt sind, den Betriebsrat in einem weiteren Schreiben scharf angriffen, nimmt der AG den Ball auf und setzt noch einen Schuss drauf. Es ist natürlich kaum zu durchschauen, weil der BR auch nicht detailliert berichten kann, will oder darf, zum Beispiel über Abstimmungsverhalten. Es wird auch eine seit langem bestehende Schwäche des BR ausgenutzt, mangelnde Öffentlichkeitsarbeit.

Wer hat nun den schwarzen Peter?

Nach Darstellung der Kollegen und des Arbeitgebers, in Person des Geschäftsführers Personal und der Leiterin Betriebsmanagement, eindeutig der Betriebsrat. Dies sind genau die Arbeitgebervertreter, welche auch eine gehörige Verantwortung für die ständige Belastungssteigerung tragen. Nach Darstellung im Schreiben an die Lokführer, wird dem BR die Alleinschuld für nicht erfolgte Belastungssenkung im Bereich der Lokführer zugeschrieben. Das halte ich für ziemlich unredlich. Es gehören zu einer Nichteinigung immer beide Parteien. Natürlich ist es ärgerlich, vor allem für die Betroffenen. Ich frage mich, was hält den AG davon ab, Verbesserungen die zur Belastungssenkung führen, bereits jetzt im Rahmen der bestehenden Regelungen umzusetzen? Müssen die Schichten bis an den äußeren Rand des Möglichen ausgequetscht werden? Warum, zumindest mein Eindruck, wird alles an der Einführung des Tablet festgemacht? Ist das nicht eine Form des „Unter Druck Setzens“ gegenüber dem BR? Möglicherweise ist es rechtens, juristisch zumindest, moralisch ist es für mich fraglich.

Zum Thema moderne Kommunikationsmittel bin ich ziemlich gespalten. Einerseits nutze ich sie privat natürlich, andererseits können sie auch zum Problem werden. Ich nehme das Tablet mit nach Hause und bin rund um die Uhr erreichbar. Unterricht nicht mehr mit Trainer, sondern in der Freizeit am Tablet! Zumindest wird es so durch manche Führungskraft kolportiert. Änderungen zum Arbeitsauftrag direkt auf das Tablet. Hat Vor- und Nachteile für mich. Wann muss ich das Ding einschalten. Ersetzt es auf lange Sicht meine Meldestellen? Natürlich NEIN, sagen die Arbeitgeber. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Das der BR da viele Dinge abwägen muss ist mir bewusst und deshalb sollten sich beide Seiten, wenn nicht bereits geschehen, Sachverstand von außen holen. Mancher Pilot hat schon das Fliegen gelernt und ist jetzt als nicht mehr zu steuernde Drohne unterwegs. Ich erinnere mich hier an das nur bei kurzfristigem Ausfall der Aufsicht anzuwendende Verfahren ZAT. “Niemand“ hatte damals vor die Aufsichten abzubauen. Das der BR mittlerweile sehr vorsichtig, manchmal zu vorsichtig, agiert ist auch nicht vollkommen unverständlich. Natürlich sollte Vorsicht nicht in totaler Blockade und Verweigerung enden.

Ein weiterer Aspekt der zu berücksichtigen sein wird, ist die Gefahr der Ablenkung des Lokführers. Schon jetzt ist es ziemlich schwer für jeden von uns sich nicht ablenken zu lassen. Gerade wenn es mal wieder zu Betriebsstörungen kommt prasseln die gesamten Segnungen der Technik auf die Lokführer ein. Da der Fahrdienstleiter per Funk, dort die TP über Steinzeitphone, FASSI hat sich auch verabschiedet oder der genannte Umleitungsfahrplan steht mal wieder nicht zur Verfügung und die Fahrgäste möchten auch informiert werden, um später ihren berechtigten Ärger bei, uns als letztem greifbaren Mitarbeiter, abzulassen. Bald können wir dann aber wenigstens noch schauen ob der Fahrplan im Tablet da ist oder auf der S-Bahn Homepage nachsehen was, wie fährt.

Übrigens fällt mir da noch eine Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Traunstein ein, in welcher bekannt gegeben wurde, dass der Fahrdienstleiter, welcher mutmaßlich das schwere Zugunglück verursacht haben soll, in Untersuchungshaft genommen wurde. Er habe, abgelenkt durch ein online Game, unter grober Vernachlässigung seiner dienstlichen Aufgaben und Verstoßes gegen betriebliches Regelwerk, wahrscheinlich den Tod von 11 Menschen zu verantworten. Hier im Zitat die Mitteilung der Polizei Bayern.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Traunstein hat das Amtsgericht Rosenheim am 11.04.2016 Untersuchungshaft gegen den beschuldigten Fahrdienstleiter wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und gefährlichem Eingriff in den Bahnverkehr angeordnet.

Nach dem neuesten Stand der Ermittlungen hat der Beschuldigte unter Verstoß gegen Fahrdienstvorschriften der Bahn während seines Dienstes am Morgen des Unglückstages sein Mobiltelefon eingeschaltet, ein Online-Computerspiel gestartet und über einen längeren Zeitraum bis kurz vor der Kollision der Züge aktiv gespielt. Es muss aufgrund des engen zeitlichen Zusammenhangs davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte dadurch von der Regelung des Kreuzungsverkehrs der Züge abgelenkt war. Wohl aufgrund dieser Ablenkung ging der Beschuldigte hinsichtlich des Kreuzungsortes der Züge von falschen Voraussetzungen aus, gab den Zügen falsche Signale und drückte bei beiden Notrufen am Funkgerät die falsche Tastenkombination, sodass die Notrufe nicht von den Zugführern gehört werden konnten. Damit liegt dem Fahrdienstleiter nicht nur ein Augenblicksversagen zur Last, sondern eine erheblich schwerer ins Gewicht fallende Pflichtverletzung.

Der Beschuldigte wurde heute aufgrund des Haftbefehls festgenommen. Im Rahmen der Vorführung vor dem AG Rosenheim räumte er ein, auf seinem Mobiltelefon das Computerspiel gestartet und gespielt zu haben. Er bestritt aber, hierdurch abgelenkt worden zu sein. Der Ermittlungsrichter hat den Vollzug des Haftbefehls angeordnet. Die Ermittlungen zu den Ursachen des Zugunglücks dauern noch an. Bis heute haben sich aber keine Hinweise auf technische Störungen ergeben, die Ursache oder Mitursache der Katastrophe sein könnten.

Weitere Einzelheiten zur Handlungsweise des Beschuldigten oder zum Stand der Ermittlungen können bis auf weiteres nicht bekanntgegeben werden.

Das wird natürlich bei uns nicht passieren. Wenn doch, wird es natürlich auf ein Alleinverschulden des Kollegen zurück zu führen sein, da entsprechendes Regelwerk missachtet worden wäre.

Natürlich kommt es schon jetzt auf jeden selbst an, sich nicht ablenken zu lassen. Häufig sieht man entgegenkommende Fahrzeugführer mit gesenktem Haupt. Sie blättern natürlich in den betrieblichen Unterlagen. Aber nun sollen wir solch ein Ablenkungspotential auch noch vom Arbeitgeber in die Tasche gesteckt bekommen. Dort sollte es dann auch während der Zugfahrten bleiben. Entsprechendes Regelwerk ist gemeinsam mit dem BR in der gewohnten vertrauensvollen Zusammenarbeit zu schaffen.

Liebe Kollegen, sehr geehrte Führungskräfte, sehr geehrte BR Mitglieder!

Ich schreibe diese Zeilen in der Hoffnung, dass ein Konsens gefunden wird und nicht einseitige Schuldzuweisungen jeglichen Fortschritt verhindern. Es handelt sich hier um meine persönliche Meinung, welche möglicherweise nicht auf 80-90%ige Zustimmung unter den Kollegen treffen wird. Dieses Schreiben werde ich in Absprache mit dem Vorsitzenden der GDL Ortsgruppe S-Bahn Berlin, Kollegen Krug, der Ortsgruppe zur Verteilung zur Verfügung stellen. Ich kann die Kosten einer hundertfachen Vervielfältigung nicht selbst tragen und habe auch nicht die Gelegenheit die Verteilung allein zu organisieren, deshalb möchte ich die Möglichkeiten meiner OG, meiner Gewerkschaft nutzen.


Mit kollegialen Grüßen
Michael Hauser
Ausbildungslokführer Team TAB


P.S. in eigener Sache
Auch ich trug mich im Jahr 1995 mit dem Gedanken aus der GDL auszutreten, damals wurden die Haustarifverträge der S-Bahn Berlin unterzeichnet, welche etliche Verschlechterungen für mich beinhalteten. Ich tat es nicht, weil ich daran glaube, dass man durch einen Austritt nichts oder nicht viel zum Besseren verändern kann. Als Mitglied der damaligen Tarifkommission bei der S-Bahn versuchte ich innerhalb der GDL mich einzubringen und die Dinge zu verändern. Wenn ich die heutigen Tarifverträge der GDL sehe, bin ich sehr überzeugt, dass dies der richtige Weg und nicht der Austritt war.

offener Brief (PDF-Download)

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